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ZVEI-Stellungnahme zur Konsultation des ersten Entwurfs des Netzentwicklungsplan Strom bis 2037/2045 (2025)

Der ZVEI – Verband der Elektro- und Digitalindustrie – begrüßt die Möglichkeit zur Stellungnahme zum ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2037/2045 (2025). Der NEP ist ein zentrales Instrument für die Energiewende und die Sicherstellung einer wettbewerbsfähigen, klimaneutralen Energieversorgung. Für den ZVEI ist klar: Der Netzausbau muss ambitioniert bleiben und langfristig planbar sein. Reduzierte Bedarfsannahmen oder Umplanungen laufender Projekte gefährden Versorgungssicherheit, Klimaziele und Investitionsentscheidungen entlang der gesamten Lieferkette. Eine Reduzierung des Netzausbaus auf Basis vermeintlich sinkender Bedarfsprognosen ist nicht nachhaltig und gefährdet die Erreichung der Klimaziele sowie die Versorgungssicherheit. Ein Blick in die jüngere und mittlere Vergangenheit zeigt deutlich, dass in Zeiten einer starken Veränderung des elektrischen Energieversorgungssystems das Schadensrisiko einer zögerlichen Netzanpassung deutlich höher ist als das einer frühzeitigen Anpassung.

1. Realistische Bedarfsannahmen statt struktureller Unterdimensionierung

Die im Entwurf dargestellten Szenarien mit teilweise reduzierten Bedarfsprognosen sollten nicht zu einer Absenkung des langfristigen Ausbauniveaus führen. Trotz aktueller Unsicherheiten wird der Strombedarf langfristig deutlich steigen – getrieben durch:

• die Elektrifizierung von Industrie, Wärme und Mobilität und
• den beschleunigten Ausbau digitaler Infrastrukturen, wie beispielsweise neuer Rechenzentren sowie den sukzessiven Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft.

Kurzfristige Trends dürfen nicht den Blick auf diese strukturellen Entwicklungen verzerren. Ein unzureichend dimensioniertes Netz würde die Klimaziele unerreichbar machen, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit schwächen und spätere, kostenintensive Nachsteuerungen erzwingen.

2. Planungssicherheit für Industrie und Lieferkette sicherstellen

Die Elektro- und Digitalindustrie und hier insbesondere die Kabel- und Leitungshersteller und der Freileitungsbau haben in den vergangenen Jahren massiv in Kapazitäten (z.B. Produktion, Ausrüstung, Personal) investiert – oftmals mit mehrjährigen Vorläufen und hohen Kapitalbindungen.

Diese Investitionen benötigen:

• verlässliche Netzausbaupfade,
• stabile regulatorische Rahmenbedingungen,
• Konsistenz zwischen politischen Ankündigungen, Szenarien und Infrastrukturplanung.

Diskussionen über die Reduzierung des Netzausbaus oder das Umplanen bereits geplanter Maßnahmen gefährden diese Investitionen und belasten die gesamte Lieferkette. Planungssicherheit ist essenziell, um Produktionskapazitäten hochzufahren und Engpässe zu vermeiden.

3. Technologieoffenheit mit klaren Prioritäten und Planungssicherheit

Der ZVEI bekennt sich zu einer technologieoffenen Planung des Netzausbaus. Sowohl Freileitungen als auch Erdkabel haben ihre Berechtigung und werden von Mitgliedsunternehmen unterstützt.

Projekte wie die HGÜ-Verbindungen DC42 und DC42+ brauchen schnell klare politische Festlegungen bzgl. der einzusetzenden Technologien, um Sicherheit für die gesamte Lieferkette zu erreichen und zeitliche Verzögerungen zu vermeiden. Besonders für Projekte, die sich bereits in der Planung oder Genehmigung befinden, sollte gelten: Keine Abweichung von den bisher vorgesehenen technischen Konzepten. Jede Umplanung würde Planungssicherheit für Komponentenhersteller und Bauwirtschaft unterminieren und Risiken für Zeitplan und Kosten erhöhen.

4. Synchronisierung von Netzen, Erneuerbaren und Flexibilität

Eine erfolgreiche Energiewende erfordert einen systemischen Ausbau:

1. Erneuerbare Energien: Höhere Volatilität muss durch leistungsfähige Übertragungs- und Verteilnetze abgefedert werden.
2. Netzinfrastruktur: Digitalisierung, Netzampeln, Queue-Management und ein beschleunigter Smart-Meter-Rollout sind Grundvoraussetzungen.
3. Flexibilitätsoptionen: Speicher, Demand-Side-Management und Sektorkopplung müssen integraler Bestandteil des NEP sein.

Der NEP sollte diese Elemente stärker miteinander verzahnen und Synergien systematisch berücksichtigen.

5. Zeitliche Entzerrung darf Ambitionsniveau nicht senken

Eine zeitliche Staffelung von Maßnahmen kann sinnvoll sein, um Ressourcen effizient einzusetzen und Genehmigungsprozesse zu optimieren. Dabei gilt jedoch:

• Das Ambitionsniveau sollte nicht abgesenkt werden.
• Engpässe müssen proaktiv vermieden werden, damit Industrie und Infrastrukturbetreiber ihre Kapazitäten planbar ausbauen können.
• Kritische Projekte müssen klar priorisiert und mit verbindlichen Zeitplänen hinterlegt werden.

Eine zu starke Streckung würde Verzögerungen und volkswirtschaftliche Kosten verursachen – u. a. durch steigende Redispatchaufwände.

6. Forderungen des ZVEI

• Keine Absenkung des Netzausbauziels: Das bisherige Ambitionsniveau ist notwendig für ein zukunftsfähiges und sicheres Energiesystem, dem Rückgrat unserer Industrie, insbesondere mit Blick auf die zunehmende Elektrifizierung vieler Branchen.
• Planungssicherheit für die Lieferkette: Verbindliche und langfristige Ausbaupfade für Industrie und Lieferkette sowie klare Priorisierung.
• Technologieoffenheit mit klarem Rahmen: Der grundsätzliche Erdkabelvorrang schließt eine Durchführung als DC-Freileitung bereits heute nicht aus, wenn die Beschaffenheit des Vorzugskorridors und der gesetzliche Rahmen dies ermöglichen. Erdkabel und Freileitungen müssen wie bisher berücksichtigt werden, laufende Projekte sollten auch aus Effizienzgründen nicht umgeplant werden.
• Systemisch denken: Flexibilitätsoptionen und digitale Netztechnologien stärker in die Planung einbinden.
• Realistische Bedarfsannahmen: Strombedarf nicht künstlich kleinrechnen – Elektrifizierung und Digitalisierung erfordern robuste Netze.
• Europäische Vernetzung und Offshore-Optimierung: Effizienzgewinne nutzen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.

Schlussbemerkung

Der NEP muss die Grundlage für eine zukunftsfähige, klimaneutrale und wettbewerbsfähige Energieversorgung bilden. Reduzierte Ausbaupfade oder Umplanungen laufender Projekte sind keine Lösung – sie verzögern die Energiewende, erhöhen die Kosten und schwächen die industrielle Wertschöpfung in Deutschland und Europa.